Kolumne · Klartext aus dem Maschinenraum

Die Migration ist keine Eintrittskarte für KI.

Der CIO eines Industrieunternehmens hat im Frühjahr eine Joule-Demo gesehen. Beeindruckt, sagt er, und dann die Frage, die jeder in seiner Lage stellt: Wann kann mein ECC das? Die Antwort kennt er selbst. Nach der Migration. Also in drei Jahren, nach einem Projekt, das Millionen kostet und bei dem KI nicht einmal das Ziel ist.

Das ist die Release-Falle, und sie hat mit der Qualität der SAP-Produkte wenig zu tun. Joule ist ein ernst zu nehmender Assistent, nur zielt er auf die Cloud-Releases und das BTP-Umfeld. Wer ein ECC oder ein S/4HANA on-premise betreibt, kommt dort erst nach dem Umzug an. Es ist eine Reihenfolgefrage, und sie hat eine bedrückende Seite. SAP ist das System of Record des Kunden. Er bucht die Daten täglich selbst ein, er hat sie über zwanzig Jahre aufgebaut, es sind seine Daten. Aber frei darüber verfügen darf er nicht. Der Zugriff ist an Lizenzregeln, Schnittstellen und Releases gebunden, und die Nutzung mit einer modernen KI gehört erst nach dem nächsten Release dazu. Die Schlösser hängen nicht an seinen Daten, sondern an seinem Zugang.

Dabei ist dieser CIO kein Einzelfall, er ist die Regel. Ein großer Teil der deutschen Industrie arbeitet noch auf ECC. Die S/4-Migration steht seit Jahren auf der Agenda und wurde x-fach verschoben, mal wegen des Budgets, mal wegen eines anderen Programms, das wichtiger war, mal, weil niemand den Umbau neben dem Tagesgeschäft stemmen konnte. Wer heute noch auf ECC bucht, hat den Umzug auf S/4 also noch vor sich. An die Cloud-Versionen von SAP, die für Joule und die Business AI von SAP vorausgesetzt werden, ist in diesen Häusern noch lange nicht zu denken. Das ist kein Vorwurf. Es ist der Stand der Dinge, und mit ihm muss man rechnen, wenn man über KI auf SAP-Daten redet.

Zu Hause KI, im Büro Verbot

Gleichzeitig hat sich bei fast jedem Kunden dieselbe Spannung aufgebaut. Zu Hause nutzen die Mitarbeitenden KI wie selbstverständlich und erwarten dasselbe im Büro. Der CIO sagt nein, und er hat gute Gründe dafür: Datenschutz, Berechtigungen, unbekannte Datenflüsse. Erlaubt ist meist genau ein Werkzeug, Microsoft 365 Copilot, weil es im eigenen Tenant und unter bestehenden Verträgen läuft.

Vor fünf Jahren hatten wir SAP-Reporting aus Launchpads und Excel nach Microsoft Teams geholt, dorthin, wo die Fachbereiche ohnehin arbeiteten. Jetzt lagen die gesperrten Daten in SAP, und das erlaubte Werkzeug hieß Copilot. Also haben wir beides zusammengebracht.

Die Daten sind längst erreichbar

Jedes aktuelle ECC und jedes S/4HANA hat ein SAP Gateway, und die Services für Bestellungen, Lieferanten, Rechnungen und Bestände sind vorhanden. Die Arbeit liegt darin, sie richtig an den Assistenten im Tenant des Kunden zu bringen: auf den Pfaden, die SAP und Microsoft dafür vorsehen, und sonst keinen. Der Nutzer trägt in Microsoft 365 und in SAP dieselbe E-Mail-Adresse, jede Anfrage läuft unter seinem eigenen SAP-User. Niemand sieht im Chat mehr, als er in der SAP GUI sehen dürfte. Keine Modifikation am SAP, kein neuer Berechtigungsbaum, keine Datenkopie. Das Sprachmodell übernimmt, was es gut kann: die Frage verstehen, den passenden Service wählen, die Antwort lesbar machen.

Was in der Demo überraschte

Drei Dinge haben uns in einer Demo selbst überrascht. Eine Lieferantenrechnung als PDF in den Chat ziehen, und der Assistent prüft sie gegen Lieferant, Bestellung und Material in SAP. Dubletten in den Lieferantenstammdaten, einmal „Müller", einmal „Mueller", mit oder ohne „GmbH", für die SAP im Standard kein Werkzeug hat. Und ein Dashboard auf Zuruf: „Zeig mir die offenen Bestellungen je Monat als Balkendiagramm", erzeugt aus dem Datenset der letzten Antwort, ohne neuen Aufruf im Hintergrund. Nichts davon war programmiert. Es entsteht aus dem Zusammenspiel von Sprachmodell und bestehenden SAP-Services. Vor fünf Jahren konnten wir in Teams nur fertige Berichte einbinden. Jetzt redet man mit den Daten weiter.

Dahinter steckt mehr als Komfort. Viele SAP-Transaktionen sind über Jahrzehnte gewachsen und so überladen, dass nur noch lange ausgebildete Fachkräfte sie sicher bedienen. Das Wissen, welches Feld was bedeutet und welche Buchung wohin führt, steckt in den Köpfen weniger Menschen, und die gehen in Rente. Der Nachwuchs, der mit dem Smartphone aufgewachsen ist, will so nicht arbeiten, und er muss es auch nicht: Wer in natürlicher Sprache fragen kann, braucht keine Transaktionscodes. Das Mindset hinter den alten Masken ist, mit Verlaub, sehr alt. In Zeiten des Fachkräftemangels ist ein Zugang, den ein neuer Mitarbeiter am ersten Tag versteht, kein Luxus, sondern Betriebssicherheit. Und dort liegt noch mehr: Spracheingabe, ein Wissensgraph über die SAP-Objekte, eine Vektordatenbank für schnellere Antworten.

Copilot ist der Dirigent

Teams ist dabei nur der Anfang. Der Assistent sitzt im gesamten Microsoft-365-Umfeld, und damit lassen sich Prozesse zusammenführen, die bisher getrennt liefen. Wir verarbeiten seit Jahren Dokumente KI-gestützt, und beides greift jetzt ineinander: Eingehende Massenrechnungen liegen in SharePoint, Power Automate stößt die Vorqualifizierung an, die Prüfung gegen Lieferant, Bestellung und Material läuft über dieselben SAP-Schnittstellen wie der Chat. Was besteht, geht vorsortiert in die Buchhaltung. Was nicht besteht, geht mit Begründung an einen Menschen.

Das Prinzip endet nicht beim ERP. Ariba, SuccessFactors und die übrigen SAP-Cloud-Produkte bieten dieselben Schnittstellen, ebenso die Drittsysteme, die in jeder Landschaft neben SAP stehen. Die Bestellung aus Ariba, die Rechnung aus dem ECC, das Ticket aus dem Servicetool: eine Frage, eine Antwort, ein Fenster.

Das ist auch eine Aussage über Rollen. SAP ist in homogenen Landschaften sehr gut, im Business Warehouse genauso wie im Kernsystem. Fremde Systeme miteinander zu verbinden war dagegen nie seine Aufgabe. SAP ist das wichtigste Instrument im Orchester, aber nicht der Dirigent. Wer das akzeptiert, muss nicht auf das eine Produkt warten, das alles kann. Er muss wissen, wie man die vorhandenen zusammenspielen lässt.

Governance ist der eigentliche Kern

All das hat uns begeistert, und genau deshalb haben wir es nicht einfach laufen lassen. Wir sitzen seit vielen Jahren in den Lenkungskreisen großer Unternehmen und wissen, dass dort nie die Technologie im Vordergrund steht, sondern die Prozesse, die fachlichen Anforderungen und die Menschen, die damit arbeiten. Das Werkzeug ist nur das Vehikel. Die Fragen, die dort gestellt werden, lauten: Wer darf was sehen? Wer verantwortet eine Zahl? Was sagt der Datenschutz, was sagt der Wirtschaftsprüfer? Ein Sprachmodell, das frei auf Daten rechnet, kann halluzinieren, und in der Kreditorenbuchhaltung gibt es dafür keinen Raum, so wenig wie für eine schwammige oder nicht abgesicherte Aussage. Deshalb sind unsere Funktionen deterministisch und kuratiert. Jede Anfrage wird an eine freigegebene SAP-Funktion geleitet, nie an ein generisches Abfragewerkzeug. Was der Katalog nicht kennt, beantwortet der Assistent nicht, und er sagt das auch. Der Assistent liest. Schreibende Vorgänge gibt es nur auf ausdrücklichen Kundenwunsch, immer mit menschlicher Freigabe und nie aus dem Chat heraus. Gezählt wird, was für Abrechnung und Nachweis nötig ist, und nichts, was Mitarbeitende überwacht.

Wir halten uns an die Spielregeln von SAP und Microsoft für KI an ihren Schnittstellen und an die europäischen Regeln für Datenschutz und vertrauenswürdige KI. Für einen unserer produktiven KI-Prozesse betreiben wir ein AI-Managementsystem nach ISO/IEC 42001, die Zertifizierung ist in Vorbereitung, und dessen Prinzipien, also Nachvollziehbarkeit, klare Verantwortung und dokumentierte Grenzen, gelten für jede Anbindung, die wir bauen. Die Magie kommt vom Modell, die Verlässlichkeit aus der Governance.

Der CIO behält recht

Niemand muss sein Verbot zurücknehmen. Der CIO aus dem Anfang hatte recht, und seine Migration bleibt, was sie sein sollte: eine Entscheidung aus Reife und Transparenz, nicht die Eintrittskarte für KI. Was sich geändert hat, ist etwas anderes. Die Fachbereiche arbeiten heute mit ihren SAP-Daten, so wie sie es erwarten. Die Buchhaltung prüft Rechnungen, statt sie abzutippen. Der neue Mitarbeiter fragt in seiner Sprache und braucht keinen Transaktionscode. Und es gibt einen Grund weniger, auf frei verfügbare Modelle auszuweichen, die Unternehmensdaten nach außen tragen.

Das ist keine Technologiefrage, und das war sie nie. Es ist die Frage, ob jemand die Prozesse, die Anforderungen und die Menschen dahinter versteht und weiß, wie man KI auf Unternehmensdaten verantwortbar betreibt. Dieses Wissen haben wir über viele Jahre aufgebaut, und aus dieser Erfahrung ist Xient Bridge entstanden. Das Potenzial für Business AI liegt in fast jedem SAP-System bereit. Wer den Schlüssel hat, muss nicht auf das nächste Release warten.

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