Kolumne · Klartext aus dem Maschinenraum
Altlasten sind ein Spiegelbild.
Wer in Deutschland über eine Autobahnbrücke fährt, über die seit Jahren ein Tempolimit gilt, weil sie nicht mehr trägt, kennt das Gefühl, das viele IT-Verantwortliche jeden Morgen haben. Alles funktioniert noch. Aber alle wissen, dass es nicht so bleibt.
Ich bin über die Jahre in viele SAP-Landschaften eingetaucht, bis auf die Ebene der Datenbank, und ich habe dabei etwas gelernt, das über IT hinausgeht. Die Landschaften sind ein Spiegelbild des Landes. Sie sind solide gebaut, sie laufen seit Jahrzehnten zuverlässig, und sie wurden in jedem Jahr ein wenig erweitert, selten verschlankt. Irgendwann weiß niemand mehr, welche der vierhundert Eigenentwicklungen noch gebraucht werden, und niemand traut sich, eine abzuschalten. Man kennt das von Behörden, von Bahnhöfen, von Schulgebäuden. Es ist dieselbe Geschichte.
Daraus entstehen zwei Reflexe, und ich halte beide für falsch.
Der erste Reflex ist der große Wurf. Alles abreißen, alles neu, am besten in der Cloud, mit einem Programm, das drei Jahre dauert und so viel kostet wie ein mittleres Bürogebäude. Ich habe solche Programme begleitet, manche waren nötig, und einige waren gut. Aber ich habe auch gesehen, wie Unternehmen mitten im Umbau ihre Handlungsfähigkeit verloren haben, weil drei Jahre lang jede Idee mit dem Satz beantwortet wurde, dass man das nach der Migration mache.
Der zweite Reflex ist das Gegenteil. Alles lassen, wie es ist, weil es ja läuft. Das ist der Reflex der Brücke mit dem Tempolimit. Er fühlt sich sparsam an und ist in Wahrheit der teuerste, weil er die Rechnung nur verschiebt und mit jedem Jahr höher macht. In der IT kommt dazu, dass die Menschen, die das alte System verstehen, nicht warten, bis jemand sich entscheidet. Sie gehen in Rente.
Es gibt einen dritten Weg, und er ist weniger spektakulär als die beiden anderen, was vermutlich erklärt, warum er so selten gewählt wird. Man behält den Kern, weil er trägt. Man legt darüber eine Schicht, die den Zugang modernisiert, ohne den Kern anzufassen. Und man nutzt die Zeit, die man damit gewinnt, um die große Entscheidung in Ruhe und mit Fakten zu treffen. Die Brücke bekommt eine Verstärkung und bleibt befahrbar, während die neue geplant wird.
In unserer Welt heißt diese Schicht Xient Bridge, und der Name ist kein Zufall. Sie verbindet das SAP-System, das seit zwanzig Jahren jede Buchung kennt, mit der Arbeitsumgebung, in der die Menschen heute tatsächlich sitzen, und sie tut das, ohne am Kern etwas zu ändern. Kein neuer Berechtigungsbaum, keine Datenkopie, keine Modifikation. Die Fachbereiche bekommen ihre Antworten in natürlicher Sprache, und das Unternehmen bekommt etwas, das in gewachsenen Landschaften selten ist: Zeit.
Ich glaube, dass dieser dritte Weg nicht nur für IT gilt. Er gilt für vieles, was in diesem Land gerade ansteht. Nicht alles muss neu, nicht alles darf bleiben. Die Kunst liegt darin, zu erkennen, was trägt, und das Neue so darüberzulegen, dass es sofort nutzt. Das ist weniger glamourös als der große Wurf. Es ist dafür in drei Monaten da statt in drei Jahren.
Die Brücke mit dem Tempolimit übrigens, über die ich am Anfang geschrieben habe, wird seit kurzem verstärkt. Nicht ersetzt. Verstärkt. Daneben entsteht die neue. Ich fand, das ist eine ziemlich gute Metapher für das, was wir tun.