Kolumne · Klartext aus dem Maschinenraum
Alter Wein in alten Schläuchen. Und dann kam KI.
In den Gesprächen der letzten Monate schält sich ein Muster heraus: Die wenigsten Unternehmen wollen den nächsten Chatbot. Sie wollen etwas viel Naheliegenderes - mit ihren eigenen Daten sprechen. Welche Bestellungen sind überfällig? Warum ist der Bestand dieses Materials so niedrig? Wo brach im letzten Quartal der Umsatz weg?
Die Daten dafür liegen längst vor. In SAP. Seit Jahrzehnten. Bestellungen, Rechnungen, Kunden, Bestände, Finanzzahlen - SAP ist das digitale Rückgrat dieser Unternehmen. Und moderne Sprachmodelle können solche Fragen heute beantworten. Der naheliegendste KI-Anwendungsfall müsste also der einfachste sein.
Er ist es nicht. Wer ihn bei SAP umsetzen will, steht erstaunlich oft vor einem Parcours: erst die Plattform, dann die Connectoren, dann Identitätsdienste, Pakete, Aktivierungen, Verträge. Vieles davon hat gute Gründe - niemand sollte Unternehmensdaten ungeschützt in ein KI-Modell schicken, und ich bin der Letzte, der Governance für verzichtbar hält. Trotzdem ist die Frage erlaubt: Muss der einfachste Anwendungsfall so viele Voraussetzungen haben?
Ich schreibe das nicht als Kritiker von außen. Ich arbeite seit einem Vierteljahrhundert in und mit diesen Systemen, und ich habe dieses Muster in vielen Variationen gesehen. Den Namens-Dschungel, in dem vertraute Werkzeuge im Jahrestakt neue Etiketten bekommen, bis selbst gestandene Architekten nicht mehr sicher sagen können, was wovon die Nachfolge ist. Starke Zukäufe, die halbherzig integriert und damit praktisch erdrosselt wurden - wer BusinessObjects in seinen besten Jahren erlebt hat, weiß, was ich meine. Für tot erklärte Werkzeuge wie SEM-BCS, deren designierter Nachfolger BPC dann jahrelang platziert werden sollte - und nie wirklich ankam. Eine Cloud-First-Strategie, in der Kunden plötzlich wieder per CSV-Datei Daten in ihr eigenes System laden. Und Brückenkonstruktionen wie die BW Bridge, die mit einem Bein on-premises und einem in der Cloud stehen. Vieles davon wirkte auf mich weniger wie Strategie als wie Improvisation aus der Defensive. Eine Konstante aber zog sich durch: Der Weg zum eigentlich begehrten Werkzeug führte fast immer über zusätzliche Lizenzen, die man mitkauft, ob man sie will oder nicht - nicht selten für Produkte, deren Zukunft im eigenen Haus längst fraglich war.
Was ich von Kunden heute zur KI höre, fügt sich exakt in dieses Bild. Nicht die KI sei schwierig, nicht die Daten - der Weg dorthin. Vor dem Nutzen liegt gefühlt immer noch ein Produkt, noch eine Lizenz, noch ein Projekt. Ob dieser Eindruck SAPs Strategie trifft, sei dahingestellt. Aber Wahrnehmung genügt. Denn Wahrnehmung schafft ein Vakuum.
Und ich habe schon einmal zugesehen, wie sich so ein Vakuum füllt. CRM: SAP hatte alles in der Hand - Prozesse, Daten, Kundenbasis. Aber der Zugang war schwer, die Einführung ein Projekt, die Pflege eine Last. Salesforce kam aus dem Browser, sofort nutzbar, schrittweise erweiterbar. Heute führt Salesforce diesen Markt an - und arbeitet sich von dort ins Terrain vor, das klassisch dem SD-Modul gehörte. Ein Vakuum fragt nicht, wer die besseren Prozesse hat. Es belohnt den einfachsten Zugang.
Heute füllen sich Vakuen schneller als damals. KI-Agenten entstehen in Stunden, offene Modelle erreichen beeindruckende Qualität, kleine Teams bauen in Tagen, wofür früher Programme aufgesetzt wurden. Jeder Monat Parcours ist eine verlorene Lernkurve - und ein Monat Vorsprung für die, die es einfacher machen.
Deshalb halte ich die Kundenfrage, um die sich hier alles dreht, für vollkommen berechtigt: Warum kann ich nicht einfach mit meinen SAP-Daten sprechen? Die Daten gehören ihnen. Das System gehört ihnen. Der Zugang zum eigenen Wissen darf sich nicht anfühlen wie der Erwerb eines neuen Ökosystems.
Ich sage das mit einer Dringlichkeit, die über Produktkritik hinausgeht. Die Gefahr ist handfest, dass SAP diesen Zug verpasst - und anders als beim CRM verpasst ihn dann nicht nur Walldorf, sondern die Kunden gleich mit: die halbe europäische Industrie, deren Prozesse auf diesen Systemen laufen. Ich verstehe die Komplexität der Aufgabe; wer ein solches Erbe an Systemen, Verträgen und Verantwortung trägt, kann nicht agieren wie ein Startup. Aber SAP ist Europas größtes Softwareunternehmen. Genau daraus erwächst der Anspruch: Wenn irgendjemand den einfachen Zugang zu den eigenen Unternehmensdaten liefern muss - und liefern kann -, dann SAP. Sperren und Hürden sind das Gegenteil dieses Anspruchs.
KI wird gerade zur Basistechnologie - so selbstverständlich wie die Suchfunktion, die Datenbank, der Browser. Vielleicht liegt genau darin die größte Aufgabe für SAP: nicht bessere KI zu entwickeln, sondern Komplexität abzubauen. Europa hätte etwas davon. Es wäre nicht das erste Mal, dass am Ende die Einfachheit gewinnt - nur diesmal bleibt weniger Zeit als beim letzten Mal. Den Kunden interessiert weder Plattform noch Lizenzvertrag. Er möchte eine Frage stellen und eine gute Antwort bekommen.
Der Wettbewerb der KI-Ära wird nicht über Funktionen entschieden, sondern über Einfachheit.