Kolumne · Klartext aus dem Maschinenraum
Wo Technologie wirklich entsteht.
Ich wollte immer vorn sein. Solange ich denken kann, wollte ich an der Spitze der Technologie arbeiten, cutting edge, am Neuen selbst - das ist kein Karriereziel, das ist ein Wesenszug. Tech ist das, wofür ich brenne.
Am Anfang meiner beruflichen Laufbahn hatte ich dazu eine feste Annahme: Große Unternehmen sind technologisch an der Spitze. Wer für die großen Häuser arbeitet, ist automatisch dort, wo Technologie entsteht. Bahnbrechend, dachte ich, ist der Normalzustand der Industrie.
Dem ist nicht so.
Das ist keine Kritik, es ist eine Beobachtung aus vielen Jahren Projektarbeit. Man arbeitet nicht immer mit den Modernsten. Manchmal arbeitet man mit alt gewachsenen Unternehmen - sehr erfolgreich in ihrer Sache, ernsthaft gut in dem, was sie tun, und technologisch trotzdem alles andere als vorn. Ihre Landschaften sind wie Zeitkapseln: Sie funktionieren, sie tragen das Geschäft, aber sie reisen nicht in die Zukunft. Sie stehen.
Dass es auch anders geht, hat mir ausgerechnet ein Konzern gezeigt: Siemens. Ein Unternehmen, das einmal für Waschmaschinen und Kühlschränke stand, hat sich in gut einem Jahrzehnt neu erfunden - was Joe Kaeser mit radikalen Portfolioentscheidungen begonnen hat, treibt Roland Busch konsequent weiter: raus aus dem Konglomerat, rein in Software, KI und industrielle Digitalisierung, bis aus dem Herstellerkonzern ein Technologieunternehmen wurde. Das hat mich tief beeindruckt, weil es das erste Mal war, dass ich Mut in dieser Größenordnung gesehen habe. Und es hat mir etwas beigebracht: Technologische Spitze ist kein Zustand, den man erbt. Sie ist eine Entscheidung, die man trifft - und dann durchzieht.
Wo Technologie entsteht, habe ich für mich selbst in der Forschung wiedergefunden. Über Horizon Europe kamen Anträge, Konsortien, Deep-Tech-Projekte - und plötzlich saß ich wieder dort, wo an der Front gearbeitet wird, statt am Bestand. Da war es wieder, dieses Brennen. Heute rechnen wir auf LUMI, Europas KI-Supercomputer, betreiben eigene KI-Hardware und bauen Deep Tech - als Unternehmen, das aus dem Maschinenraum der Konzerne kommt.
Dabei liegt eines auf der Hand: Wissenschaft muss per Definition nicht marktorientiert sein. Sie darf offen forschen, verwerfen, neu ansetzen - das ist ihre Stärke, keine Schwäche. Genauso klar ist, dass Programm- und Projektsteuerung, Verbindlichkeit und Betriebsdenken in der Forschung anders ausgeprägt sind als bei uns, die wir aus Corporate und Enterprise kommen. Beides ist offensichtlich. Die Erkenntnis liegt nicht in der Beobachtung - sie liegt in der Verbindung: Forschung, die bahnbrechend denkt, und Enterprise-Handwerk, das aus einem Prototyp Technologie macht, die trägt. Genau diese Verquickung bauen wir. Sie ist wertvoller, als beide Seiten ahnen.
Denn die Brücke trägt in beide Richtungen. Ich arbeite weiter für Unternehmen - und bringe ihnen mit, was an der technologischen Spitze gerade wirklich passiert. KI, Deep Tech, eigene Hardware: nicht als Folie von einer Konferenz, sondern erlebt, gebaut, gerechnet.
Und es gibt noch einen Grund, den ich lange nicht ausgesprochen hätte: Ich fühle mich damit besser. Als Unternehmer, vor allem aber als Mensch. An der Spitzentechnologie zu arbeiten ist für mich keine Positionierung. Es ist der Zustand, in den ich gehöre.
Die Annahme war falsch. Das Brennen dahinter nicht.