Kolumne · Klartext aus dem Maschinenraum
Wer Transformation verkauft, muss sie selbst aushalten.
Wir verdienen unser Geld damit, anderen zu sagen, dass sie sich verändern müssen. Das ist bequem - solange die Veränderung immer die anderen trifft.
Ich habe in Lenkungsausschüssen Sätze gehört wie: "Die Organisation muss agiler werden." Gesagt von Menschen, die ihren eigenen Kalender seit Jahren nicht verändert haben. Das ist keine Bosheit. Es ist ein Reflex: Veränderung ist immer erst einmal ein Projekt für andere. Ein Beratersatz auf einer Folie kostet nichts. Die Rechnung bezahlen die, die damit arbeiten müssen.
Deshalb gilt bei uns eine einfache Regel: Was wir empfehlen, haben wir vorher an uns selbst ausprobiert. Nicht als Pilotprojekt mit Sicherheitsnetz, sondern im eigenen Betrieb, an den eigenen Gewohnheiten.
Bei der KI heißt das konkret: Wir haben nicht mit Texten angefangen, sondern dort, wo unsere Arbeit wirklich stattfindet - bei Datenanalysen, bei Programmcode, bei Dokumentationen, bei Agenten, die eigenständig Aufgaben abarbeiten. Neuronale Netze und verteilte Systeme kannten wir aus früheren Phasen; neu an dieser Welle ist nicht die Grundidee, sondern dass KI greifbar geworden ist, für jedermann. Und auch bei uns war die erste ehrliche Erkenntnis nicht "wie effizient", sondern "wie unangenehm": Plötzlich stand zur Debatte, was von der eigenen Arbeit Routine war und was wirklich Denkarbeit. Ein Teil dessen, worauf ich stolz war, stellte sich als Gewohnheit heraus. Das steht auf keiner Folie, wenn man Transformation verkauft. Es gehört aber zur Wahrheit dazu.
Dasselbe mit den eigenen Systemen. Wir betreiben unsere eigene SAP-Landschaft und unsere eigene KI-Hardware - nicht, weil es billiger wäre, sondern weil man ein System erst dann ehrlich beurteilen kann, wenn man nachts selbst dafür verantwortlich ist. Wer nie eine eigene Migration durchlitten hat, redet über Migrationen wie ein Reiseführer über Länder, in denen er nie war.
Und noch etwas kommt dazu, das oft übersehen wird: Berater sind per Definition Technologie-Übermittler. Was ein Kunde schmerzlich gelernt hat, tragen wir zum nächsten - die Lernkurve wandert mit uns von Haus zu Haus. Ein internes Team, so gut es sein mag, durchlebt seine eigene Kurve genau einmal. Wir durchleben viele. Aber dieses Weitertragen funktioniert nur, wenn man die Veränderung selbst ausgehalten hat: Nur durchlittene Erfahrung ist übertragbar. Nachgelesene nicht.
Und ja: Manches, was wir bei uns eingeführt haben, haben wir wieder abgeschafft. Auch das gehört dazu. Eine Organisation, die nur Erfolge ihrer eigenen Veränderung erzählt, hat entweder nichts riskiert - oder sie erzählt nicht alles.
Man erkennt den Unterschied schnell, wenn man eine einzige Frage stellt: "Und wie macht ihr das bei euch?" Wer darauf eine konkrete, unbequeme, ehrliche Antwort hat, dem kann man zuhören. Wer ausweicht, verkauft eine Meinung.
Veränderung, die man nur empfiehlt, ist eine Meinung. Veränderung, die man aushält, ist ein Beweis.