Kolumne · Klartext aus dem Maschinenraum
KI funktioniert nicht auf Chaos.
Es gibt kaum ein Gespräch, in dem nicht nach KI gefragt wird. Es gibt fast keines, in dem zuerst nach den Daten gefragt wird, auf denen sie laufen soll.
Dabei ist das die eigentliche Reihenfolge. KI verstärkt, was da ist - auch das Chaos. Wer aus unsortierten, widersprüchlichen Daten eine kluge Antwort erwartet, verwechselt ein Werkzeug mit einem Wunder.
Ein Beispiel aus dem Maschinenraum, das ich in Varianten seit Jahren sehe: derselbe Kunde, drei Systeme, drei Wahrheiten. Im CRM heißt er anders als im ERP, im Reporting taucht er doppelt auf, und welche Adresse stimmt, weiß nur die Kollegin, die das seit fünfzehn Jahren im Kopf korrigiert. Solange Menschen die Antworten bauen, fällt das kaum auf - Erfahrung gleicht aus, was die Systeme sich schuldig bleiben. Eine KI hat diese Erfahrung nicht. Sie nimmt die drei Wahrheiten und macht daraus eine vierte: flüssig formuliert, überzeugend vorgetragen, falsch.
Zur Wahrheit jedes KI-Projekts gehört deshalb ein Satz, der auf keiner Keynote fällt: 90 bis 95 Prozent der eigentlichen Arbeit sind am Ende doch wieder Data Engineering und Schnittstellen. Wer das vorher weiß, plant realistisch. Wer es nicht weiß, erlebt es trotzdem - nur teurer.
Fairerweise gibt es auch eine gute Nachricht, und sie ist einer der ehrlichsten Quick Wins dieser Technologie: KI befreit Daten aus dem engen Korsett der jeweiligen Tools. Sperrige Tabellen, intolerante Datenstrukturen, exotische Formate, gewachsene Mappings - was früher erst ein Integrationsprojekt brauchte, lässt sich heute oft direkt nutzen und übersetzen. Das ist ein echter Gewinn. Aber er befreit von Formaten, nicht von Bedeutung. Wem die Daten fachlich gehören, was ein Feld wirklich heißt, wer was sehen darf - das nimmt einem kein Modell ab. Ordnung bleibt Arbeit.
Und eine Beobachtung noch, so diplomatisch ich sie formulieren kann: KI ist Chefsache. Wo das Thema allein in einer Fachabteilung oder irgendwo in der IT aufgehängt wird, entsteht selten Steuerung, sondern Zufall. Die einen begegnen der Technologie dann mit Verboten, die anderen mit Vollgas ohne Leitplanken - und beide Extreme landen in derselben Sackgasse: Verbote erzeugen Schatten-KI, blindes Tempo erzeugt Scherben. Der Ausweg ist unspektakulär: klare Verantwortung ganz oben, klare Leitplanken darunter, und dann Tempo. Genau in dieser Reihenfolge.
Die gute Nachricht zum Schluss: Man muss nicht erst drei Jahre aufräumen, bevor man anfangen darf. Man muss nur ehrlich klein anfangen. Ein Bereich, in dem die Daten belastbar sind, klare Zuständigkeit, klare Definitionen, klare Berechtigungen - dort liefert KI dann tatsächlich, was die Folien versprechen. Danach der nächste Bereich. Ordnung wächst genauso schrittweise, wie Unordnung gewachsen ist.
Erst die Ordnung, dann die Intelligenz - die Reihenfolge ist nicht verhandelbar.