Kolumne · Klartext aus dem Maschinenraum
Die meisten Unternehmen haben kein Technologieproblem.
Wenn ich höre, ein Unternehmen habe ein Technologieproblem, werde ich misstrauisch. Meistens stimmt es nicht. Die Technik ist da, oft im Überfluss.
Was fehlt, ist etwas anderes: der Überblick darüber, was eigentlich läuft, worauf, mit welchen Folgen. Man erkennt es an einer Frage, die ich gern in Lenkungsausschüssen stelle: "Was läuft bei Ihnen gerade alles - und worauf?" Nicht als Fangfrage, sondern wörtlich. Welche Initiativen, auf welchen Systemen, mit welchen Abhängigkeiten. Ich habe selten eine vollständige Antwort bekommen. Nicht, weil die Menschen schlecht wären, sondern weil die Landschaft schneller gewachsen ist als das Bild davon.
Und was bei dieser Frage zutage kommt, hat selten mit der neuesten Technologie zu tun. Da ist der Merger, der offiziell abgeschlossen und tatsächlich nie zu Ende integriert wurde - zwei Systemwelten, die seit Jahren nebeneinander herlaufen, verbunden mit Klebeband und gutem Willen. Da sind Vorgaben von Investoren, die zum Beteiligungsmodell passen, aber nicht zum Unternehmen - Reporting-Strukturen von der Stange für ein Geschäft, das keins von der Stange ist. Da sind Altlasten, die niemand abschalten mag, weil niemand mehr genau weiß, was daran hängt.
Und dann ist da die stille Ebene darunter: die eigenbetriebene Datenbank unterm Schreibtisch, von der offiziell niemand weiß und ohne die inoffiziell nichts geht. Oder die ausgesprochen versierten Excel-Experten im Fachbereich - Leute mit beeindruckendem Können, die längst keine Fachbereichsarbeit mehr machen, sondern ein eigenes kleines Rechenzentrum betreiben. Ihre eigene Suppe, ihre eigenen Regeln. Das ist dann kein Unternehmen mehr. Das sind Inseln.
Nichts davon war böser Wille. Jede Einzelentscheidung war irgendwann vernünftig. Aber die Summe kennt niemand mehr - und genau diese Summe ist das Problem. KI ist dabei nur die neueste Schicht: Sie macht die Lücke sichtbar, weil plötzlich Systeme Antworten geben und jemand verantworten muss, worauf diese Antworten beruhen. Auf Inseln kann man vieles bauen. Verantwortung nicht.
Die Antwort darauf ist unspektakulär, und vielleicht ist das ihr Problem: Architektur als Führungsinstrument. Nicht als Schaubild im Anhang, sondern als das Bild, mit dem die Geschäftsführung tatsächlich entscheidet. Welche Systeme tragen welches Geschäft? Wo entstehen Abhängigkeiten? Was wird abgeschaltet - und wann? Ein Unternehmen, das diese Fragen beantworten kann, verliert die Angst vor Neuem. Es kann einordnen, statt hinterherzulaufen - und es kann Nein sagen, ohne nervös zu werden.
Das Bemerkenswerte: Wo diese Steuerbarkeit da ist, werden es meist weniger Projekte, nicht mehr. Weniger, aber die richtigen. Priorisierung ist keine Kürzung, sie ist eine Form von Respekt - gegenüber den Menschen, die das alles umsetzen und aushalten müssen.
Das Problem ist selten die Technik. Es ist die Frage, wer sie noch steuert.