Kolumne · Klartext aus dem Maschinenraum

Die nächste Bergspitze sieht genauso aus.

Es waren meine allerersten Wochen im Beruf. Fachinformatiker bei Triaton, der IT-Tochter von ThyssenKrupp - ich sage das bis heute mit etwas Stolz und mindestens ebenso viel Wehmut. Zu diesen ersten Wochen gehörte eine Werksführung in Dortmund, zwischen Hochöfen, die kurz darauf Geschichte wurden: feinsäuberlich zerlegt, nummeriert, verschifft und in China wie Puzzleteile wieder aufgebaut. Im Revier weiß das jeder. Es ist unsere DNA - und unser Trauma. Man muss da nichts beschönigen.

Der Werksführer war sichtlich gerührt, als er vor uns stand. "Hier haben mein Opa und mein Vater gearbeitet", sagte er, und man hörte, dass ihm der Satz nicht leicht über die Lippen ging. Kein Zorn, keine Anklage. Nur ein Mann, der geblieben war, während der Grund für sein Bleiben in Kisten verpackt wurde.

Dortmund war kein Einzelfall. Das Zechensterben lief längst, und auch der Stahl wurde Stück für Stück zurückgefahren; vom einstigen Hauptarbeitgeber des Reviers war kaum ein Promille geblieben. Nokia, Opel - auch das kam nicht über Nacht, es schwelte seit Jahren. Der Strukturwandel war in vollem Gange - sichtbar war zuerst vor allem der Teil, der mit Abbau zu tun hatte. Für fast jeden in meinem Umfeld war das kein Strukturwandel auf dem Papier, sondern der Boden, der unter den Füßen nachgab.

Aus diesem Boden habe ich mir mein Credo gegossen: Wer stehen bleibt, geht unter. Also bin ich gerannt. Der Technologie hinterher, den Projekten, den Märkten - um die halbe Welt. Jeder neue Gipfel versprach endlich die klare Sicht. SAP, dann Daten, dann Cloud, dann KI. Ich bin sie alle hochgestiegen.

Und oben stand ich jedes Mal vor derselben Erkenntnis: Die nächste Bergspitze sieht genauso aus. Wieder ein Aufstieg, wieder ein Versprechen, wieder kein Ankommen.

Mein alter Satz stimmt noch. Aber er ist nur die halbe Wahrheit. Wer stehen bleibt, geht unter - wer nur rennt, kommt nie an. Nicht das Tempo entscheidet, sondern die Richtung. Die eigentliche Arbeit beginnt nicht beim schnelleren Laufen, sondern beim Anhalten, beim Sortieren, beim Herausschälen dessen, was wirklich zählt.

Das ist auch meine Antwort auf die KI. Die Welt war schon vor wenigen Jahren extrem komplex, ganz ohne sie. KI hilft, dieser Komplexität Herr zu werden - und heizt sie zugleich weiter an. Noch ein Tool, noch ein Update, noch ein Gipfel. Ich verstehe jeden, der dabei an seine Grenzen kommt; ich ertappe mich selbst dabei, nicht nur begeistert, sondern schlicht überwältigt zu sein. Aber mehr Tempo ist nicht die Antwort auf zu viel Tempo. Klarheit ist es.

Und jetzt kommt das Pikante. Dieser Gipfel mit der klaren Sicht liegt für mich ausgerechnet wieder im Ruhrgebiet - in genau der Landschaft, vor deren Einbruch ich einst losgerannt bin. Ich musste um die halbe Welt laufen, um zu begreifen, dass die klarste Aussicht von zu Hause aus zu haben ist.

Ich denke oft an den Werksführer. Er hatte diese Wahl nicht mehr. Ich hatte sie. Vielleicht ist das der eigentliche Unterschied, den Wandel macht: nicht, ob er kommt - sondern ob man ihm zuvorkommt.

Vielleicht ist das die ehrlichste Form von Wandel: nicht das nächste Tool, nicht der nächste Gipfel, sondern der Mut, anzuhalten, hinzusehen und das Wesentliche vom Lärm zu trennen.

Wer Klarheit sucht, fängt damit bei sich selbst an.

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